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Manchmal wünsche ich mir Flügel 6. Das ZebraLissi ruft mich ziemlich verzweifelt an.»Ich bin froh, daß ich dich erreiche, Rolf ist auf Geschäftsreise, und ich muß das einfach loswerden.« Da ich nichts sage und auch auf die üblichen Floskeln verzichte, fährt sie auch gleich fort: »Gabriela ist mal wieder hereingeschneit. Sie hat wie immer ohne Umschweife ihr Ziel angesteuert und uns um eine Bürgschaft für einen Kredit gebeten. Auf meine Frage, wofür sie ihn denn bräuchte, ist sie gleich wieder in ihrer typischen Weise aufbrausend geworden. õNatürlich zum Lebenã, hat sie mich angeblafft. õGlaubst du, ich könnte ohne Geld auskommen? Dein Geschwafel kannst du dir sparen. Sag mir nur ja oder nein.ã Ich habe dann gesagt, daß ich erst mit Rolf reden muß, und so ist sie ziemlich wütend abgezogen.« »Wieso habe ich nicht gleich nein gesagt?« Lissi ist wütend über sich selbst. »Wieso lasse ich mir immer wieder Unverschämtheiten von dem Mädchen gefallen, wieso trifft mich das immer wieder so tief, was macht mir immer wieder das schlechte Gewissen? Ach Sabine, ich bin so enttäuscht von mir. Ich dachte, ich könnte gelassener bleiben, jetzt fühle ich mich richtig elend. Aber ich habe mir fest vorgenommen, mich nicht mehr ausnutzen, mich nicht mißbrauchen zu lassen.« »Wirst du ihr die Bürgschaft geben?« frage ich dazwischen. »Natürlich nicht«, versichert Lissi. »Aber warum tut es so weh, warum komme ich nicht von dem Mädchen los? Es ist wie eine Operation, und zwar eine Operation ohne Narkose, und ich muß sie aushalten, schlimmer noch, ich muß sie selber durchführen.« »Dir bleibt gar nichts anderes übrig«, versichere ich ihr. »Doch dein ganz natürlicher Selbsterhaltungstrieb wird dich schon dazu bringen.« »Ich denke auch, ich bin mir ganz sicher, aber es wird wohl noch einige Zeit schmerzen.« Lissi hat sich schon wieder beruhigt und kann von anderen Dingen reden. Die Operation ist vorüber, und unbemerkt von ihr selbst hat der Genesungsprozeß schon begonnen. Das Zebra Das Zebra hätte es gar nicht besser antreffen können! Es wurde in einem afrikanischen Nationalpark geboren. Darum wuchs es behütet heran. Der gleichmäßige Wechsel von Tag und Nacht und die wiederkehrende Folge von Trocken- und Regenzeiten bestimmten sein Leben. Es lernte, wie die frischen Halme zu finden waren, wo die besten Wasserlöcher lagen und wann die gefährlichen Raubkatzen ihre Jagdzeit hatten. Schon als Jungtier wußte es sich mit den kräftigen Hufen zu verteidigen oder sich durch schnelle Flucht in Sicherheit zu bringen. Das junge Zebra war nicht nur klug und geschickt, es war auch sehr schön. Wie alle Artgenossen hatte es ein schwarz-weiß gestreiftes Fell, aber am Hals war kein einziger schwarzer Strich. Hier war das Haarkleid von makellosem Weiß. Das Tier war nicht wenig stolz darauf und freute sich über die Laune der Natur, die ihm ein so außergewöhnliches Aussehen verliehen hatte. Unbeschwert streifte es, wie immer in der Regenzeit, durch die saftigen, hohen Gräser der Savanne. Dort ließ sich eines Tages eine kleine Zecke auf das warme Fell plumpsen und biß sich genau in dem weißen Hals des Tieres fest. Das war zunächst nicht störend und war auch weiter nichts Besonderes, denn die kleinen Parasiten saugten für gewöhnlich ein paar Tage Blut aus der Haut, lösten dann ihre Beißwerkzeuge und fielen ab. Doch diese Zecke am weißen Hals des Zebras konnte offenbar nicht genug kriegen. Sie wollte sich nicht lösen, sondern saugte weiter und wurde dicker und dicker. »Das ist nicht normal!« meinten einige Freunde. »Du mußt etwas unternehmen, sonst bekommst du ernste Schwierigkeiten.« »So ein Unsinn«, schnaubte das Zebra. »Die Zecke stört mich nicht weiter, irgendwann wird sie schon satt sein. Überhaupt, was soll mir das kleine Tier schon anhaben?« Woche um Woche verging. Das Hinterteil des kleinen schwarzen Ungeziefers wurde prall und war nicht mehr zu übersehen. Mittlerweile juckte die Stelle am Hals, und das Zebra schüttelte sich immer wieder, um den Plagegeist loszuwerden. Doch alles half nichts. Die Zecke saß fest und hatte sich zu einem häßlichen schwarzen Beutel aufgeblasen. Verzweifelt versuchte das Zebra, die Stelle mit seinen Hufen oder seinem Maul zu erreichen. Da das nicht gelingen wollte, rieb es schließlich seinen Hals an einem rauhen Baumstamm. Es kratzte sich das weiße Fell auf und riß die lästige Zecke aus. So schien es jedenfalls. Der kleine Parasit aber hatte sich noch immer nicht lösen wollen, zwar war das Hinterteil abgerissen, der Kopf mit den Beißwerkzeugen und den Widerhaken jedoch war in der Haut steckengeblieben. Zunächst merkte das Zebra nichts davon. »Diese Plage bin ich los!« freute es sich. Doch davon konnte leider nicht die Rede sein. Nach ein paar Tagen begann die Kratzwunde rot anzulaufen und zu schmerzen. Der Hals schwoll an, so daß das Zebra den Kopf kaum mehr in die Höhe recken konnte. Traurig und mit hängenden Schultern trottete es durch die Wildnis. Es hielt sich mehr und mehr abseits von den anderen, wurde müde, mutlos und verzweifelt. Das Tier litt sehr unter den Schmerzen und wußte sich nicht mehr zu helfen. Mechanisch knabberte es ein paar grüne Blätter, ohne zu ahnen, daß tief im Inneren der Organismus den Kampf gegen den Fremdkörper schon aufgenommen hatte. Denn an seinem Hals hatte sich längst der Eiter in einer dicken Beule zusammengezogen. Und eines Morgens brach die Beule auf. Mit dem gelblichen Eiter flossen auch die Reste der toten Zecke heraus. Eine Zeitlang blutete die Wunde noch und spülte alle Unreinheiten aus der Haut. Das Zebra erholte sich zusehends, die offene Wunde verheilte, doch das neue Fell, das an dieser Stelle wuchs, war sonderbarerweise schwarz. So entstand an dem einst weißen Hals des wilden Pferdes wie bei allen anderen Artgenossen ein schwarzer Streifen. Gerne verzichtete das Zebra künftig auf einen Teil seiner besonderen Schönheit, da es dafür ein gesundes Leben eintauschte. Sieh dir das an!« Lissi sitzt vor einer Kiste mit alter Post und macht sich kaum die Mühe, mich zu begrüßen. »Alles alte Postkarten und Briefe, mein Vater hat sie mir gegeben, damit ich das für mich Interessante heraussuche, bevor er sie vernichtet.« Da sind Briefe, die Lissi als Mädchen aus dem Urlaub geschrieben hat. Wir finden einige Beschreibungen von unseren gemeinsamen Ferien. Da sind aber auch Karten von alten Bekannten und Verwandten der Eltern, geschrieben von Reisen oder zu besonderen Anlässen. Ich greife achtlos nach einem vergilbten Papier und versuche die alte Schrift zu entziffern. Plötzlich stutze ich. »Hör´dir an, was hier steht«, wende ich mich an Lissi. »Es ist eine Glückwunschkarte zur Hochzeit deiner Eltern. Neben den üblichen guten Wünschen ist da, an deine Mutter gerichtet, angefügt: õDu bist ja ein schwieriges Weibchen, aber der Paul wird Dich hoffentlich ñ je nach Bedarf mit Milde oder mit Strenge ñ zu einer echt christlichen Frau erziehen, deren schönste Zierde Hingabe, Liebe und Anschmiegsamkeit ist. Mit viel Vertrauen kannst Du Dein ganzes Schicksal in die Hände Deines Mannes legen. Deine Lehrerin M. Weinbergã.« Für einen Moment sind wir beide sprachlos. Wir schauen uns an, und dann prusten wir los wie zwei alberne Schülerinnen. »Das kann doch nicht wahr sein.« Lissi wird wieder ernst. »Dabei mußt du wissen, daß meine Mutter zu diesem Zeitpunkt schon neunundzwanzig Jahre alt war, das war 1939. Mit dem õSchicksal in die Hände des Mannes legenã war es außerdem bald vorbei, denn der war kurz darauf für fünf Jahre im Krieg.« »Was hat sich seitdem alles verändert!« In Gedanken vergleiche ich das Leben unserer Eltern mit unserem Leben. »Ja, vieles ist anders geworden«, pflichtet mir Lissi bei, »aber hat es sich auch wirklich verändert, ist die Wandlung nicht nur oberflächlich, nur äußerlich? Ich merke an mir selbst immer wieder, wie schwierig es ist, aus alten, anerzogenen Verhaltensmustern und Denkstrukturen auszubrechen. Vielleicht geht es ja überhaupt nicht, oder nur durch ein einschneidendes Ereignis. Viel von dem, was in dem Glückwunsch zum Ausdruck kommt, haben auch wir noch verinnerlicht.« »Darf ich die Karte mitnehmen?« frage ich, während ich sie schon einstecke. Zu Hause schaue ich lange auf das Papier mit der kleinen, feinen Schrift. Was bedeuten Regeln der Gesellschaft für das Individuum, was macht Sozialisation mit der Persönlichkeit des einzelnen? Geht das immer mit Unterdrückung, mit Einengung einher? Sind wir, Lissi und ich, sind wir gezähmt, beschnitten, angebunden worden? Die Geschichte der kleinen Misch Im zentralasiatischen Hochland, dort, wo sich die Grenzen zwischen China und Tibet verwischen, haben sich einige, teilweise befremdliche Formen des menschlichen Zusammenlebens erhalten. Hier existieren noch kleine, abgeschlossene Gruppen oder Stämme mit eigenen Regeln und Gesetzen, eigenständig und fast ohne Außenkontakt. Man könnte sie am ehesten mit Klöstern vergleichen. Dort, fernab der uns bekannten Welt, wuchs auch die kleine Misch auf. Früh lernte sie, was zur Erhaltung ihres Lebens wichtig schien. Sie konnte den Boden den Jahreszeiten entsprechend bearbeiten, umgraben, säen, jäten und ernten; konnte Essen zubereiten, Kleidung nähen, Hütten bauen und vieles mehr. Außerdem hielt sie sich streng an die Gesetze ihrer Religion. Alle Mitglieder der kleinen Gesellschaft glaubten nämlich, daß die Daumen an den Händen ein schändlicher Überrest der Unterwelt seien. Und weil sie nun ein Zeichen des Bösen darstellten, wurden sie schon bei den Säuglingen eng umwickelt und festgebunden. Es war höchst erstrebenswert, diese menschlichen Bindeglieder an das Übel schlechthin nicht anzusehen oder zu gebrauchen. Ganz besonders heilige Menschen hackten sich einen oder sogar beide Daumen ab, um sich total vom Bösen loszusagen. Sie genossen hohes Ansehen und große Verehrung. Die kleine Misch lebte ganz zufrieden und war wegen ihrer außergewöhnlichen Geschicklichkeit mit den restlichen Fingern sehr beliebt und geachtet. So glaubte sie sich glücklich und vermißte nichts. Doch eines Tages, als sie zum Beerensammeln weit in den Wald gelaufen war, erschütterte ein großes Erdbeben die Region. Es entstanden Täler und Berge, die es vorher nicht gegeben hatte, und eine gewaltige Feuersbrunst verwüstete den Landstrich. Die kleine Misch rannte verzweifelt um ihr Leben, stolperte, zerriß sich die Kleidung an herabfallenden Ästen, verbrannte sich die Hände an heißen Steinen und schlug sich beim Fallen tiefe Wunden. Schließlich kauerte sie sich unter einem schützenden Felsvorsprung in einer moosbedeckten Mulde wie in einem Nest zusammen und schlief erschöpft ein. Bei der wilden Flucht vor den Naturgewalten hatte das Kind nicht nur Schrammen, Kratzer und Wunden davongetragen, es hatte auch die Bandagen an seinen Fingern verloren. Als es nun erwachte, sah es zum erstenmal zwei blasse, dünne Daumen an seinen Händen. Das erschreckte Misch zunächst sehr, da sie die schrecklich schmerzenden Glieder kaum bewegen konnte. »Das sind also die Abbilder des Bösen!« wunderte sich das Mädchen. »Wenn ich sie mir genau ansehe, unterscheiden sie sich kaum von den anderen Fingern. Nur die Haut ist weißer und brennt nach dem ungewohnten Kontakt mit Luft und Sonne.« Vorsichtig schob Misch einen Daumen in den Mund, um ihn zu kühlen. Sie begann daran zu saugen, was sehr angenehm war und sie deutlich ruhiger werden ließ. Die Augen fielen ihr zu. So schlief sie, abwechselnd mit ihrem rechten oder linken Daumen im Mund, fast eine Woche lang. In dieser Zeit besänftigte sich die Erde, und auch die Wunden des Kindes vernarbten. Mit neuem Lebensmut begann Misch nach Eßbarem zu suchen. Erstaunt mußte sie feststellen, daß mit dem Gebrauch der Daumen alles einfacher zu bewerkstelligen war. Sie konnte Gegenstände richtig umfassen. Die Daumen waren die ideale Ergänzung zu den übrigen Fingern. Sie war nun doppelt, ja zehnmal so geschickt wie vorher. In Windeseile flocht sie einen Korb, pflückte ihn mit Leichtigkeit voll Beeren, grub nach Pilzen oder Wurzeln und fand so genügend Nahrung zum Überleben. Ja, sie hatte sogar bald alles im Überfluß. So gab sie denn auch gerne davon ab, als sie eines Tages auf eine kleine Gemeinschaft von fröhlichen Menschen traf. Die Fremden nahmen sie liebevoll in ihre Gruppe auf und fragten sie nach ihrem Namen. »Misch, ich heiße Misch«, antwortete das Mädchen. Da lachten die anderen etwas verlegen, denn sie konnten kein »M« aussprechen. So nannte sich die kleine Misch von da an nur noch »Isch«. Sie blieb und fand eine neue, glückliche Heimat. Von ihrem alten Stamm, in dem man sich merkwürdigerweise die Daumen festband, hat sie nie mehr etwas gehört. Darüber war sie ganz und gar nicht traurig. Im August hat Lissi Geburtstag, sie wird fünfzig Jahre alt. Aber trotz oder gerade wegen der runden Jahreszahl will sie nicht feiern. »Wenn ich mit fünfundfünfzig noch lebe, dann gebe ich ein großes Fest«, antwortet sie auf Fragen ihrer Verwandten und Bekannten. Dann sind die meist sprachlos, derartige Äußerungen finden sie ziemlich brutal. »Ich fühle mich einfach nicht danach. So kurz nach der Therapie freue ich mich auf ein paar ruhige Tage mit Rolf. Wir werden einfach wegfahren, die Kinder sind sowieso in Ferien. Außerdem brauche ich das nicht mehr so dringend, diesen Trubel, diese Anerkennung und oberflächlichen Beweise von Wertschätzung. Ich kann schon ganz gut mit mir alleine zurechtkommen, ich weiß mich geliebt und liebe mich selber. Ich habe schlimme Zeiten erlebt, und es werden sicher auch noch welche kommen. Aber ich komme auch durch die nächste Wüste, durch die nächste Dürre.« »Du bist ja auch im August geboren, du bist ja auch ein Löwe«, witzele ich. »Ja. Die Psychologen fragen oft ihre Patienten, welches Tier sie sein möchten. Mit welchem Tier könntest du dich denn identifizieren?« Ich denke einen Moment nach. »Ich glaube, ich möchte ein Adler sein«, meine ich dann zögernd. »Ja, ein Adler, kräftig, frei und ungebunden, der König der Lüfte.« »König ist gut. Das könnte mir auch gefallen«, lacht Lissi, »aber ich bin mit meinem Sternbild zufrieden. Ich möchte nichts anderes als ein Löwe sein, oder besser eine Löwin, eine starke, selbstsichere Katze.« »Damit wären wir ja wieder in der Wüste.« Lissi versucht zu fauchen und imitiert dann mit den Armen den Schnürgang einer Katze. Sie hält mir ihre Finger als Krallen vors Gesicht. »Du kannst mir gar nichts anhaben.« Ich breite meine imaginären Flügel aus und gleite zur Tür. »Also, tschüs Löwe, auf Wiedersehen in der Wüste, oder besser noch hinter der Wüste.« Die Löwin Diese Trockenzeit war schlimmer als alle vorherigen. Viele Monate hatte es keinen Regen gegeben. Alle Pflanzen, selbst die robusten Kakteen, waren verdorrt und die meisten Tiere verendet. Müde und erschöpft streifte die Löwin durch die staubige Steppe, immer auf der Suche nach etwas armseliger Beute. Schon vor Wochen hatte sie sich von ihrer kleinen Meute getrennt und hatte sich alleine auf den Weg gemacht. Sie suchte ein anderes Land, in dem ein besseres Überleben möglich war. Sie träumte von einer weiten Steppe mit saftigem Gras, Zebraherden oder Gazellenrudeln. Mittags, wenn die unbarmherzige Sonne alles in Gluthitze tauchte, dachte sie zuweilen, wie unerfüllbar und sinnlos doch ihr Wunsch nach besseren Lebensbedingungen war. Dann hoffte sie nur, bald zu sterben. Doch abends machte sich die Löwin jedesmal von neuem auf und setzte fast mechanisch ihre Wanderung fort. Ganz weit im Süden kam sie eines Tages an einen breiten Fluß. »Hier bin ich wohl am Ende meiner Reise«, dachte sie resigniert. »Dieses Wasser ist für mich ein unüberwindbares Hindernis. Mag sein, daß am jenseitigen Ufer das Leben besser ist. Es könnte sogar das Land meiner Träume sein. Doch was nützt das alles. Ich werde es nicht erreichen. Ich bin eine Raubkatze, bin wasserscheu und kann nicht schwimmen.« So streifte die Löwin lange Zeit am Ufer hin und her. Teils neugierig, teils sehnsüchtig versuchte sie immer wieder, etwas von der anderen Seite zu sehen, doch sie konnte nicht viel erkennen. Der Strom war zu breit. Während sie noch unschlüssig überlegte, was sie nun tun wollte, gewahrte sie hinter sich dunkle Rauchwolken, und bald schon spürte sie in der Nase den alarmierenden Geruch von brennendem Gras. Die vertrocknete Ebene stand vollständig in Flammen, die sich mit rasender Geschwindigkeit ausbreiteten. Was nun? Die Löwin stand am Flußufer und fühlte die Hitze immer näher kommen. »Ich kann nicht mehr!« brüllte sie verzweifelt. »Hab ich denn nur noch die Wahl zwischen Verbrennen oder Ertrinken?« Im allerletzten Moment, als das Feuer schon ihre Fellspitzen versengte, machte sie einen mutigen Satz nach vorn. Aber was war das? Der Fluß war gar nicht tief, und das Wasser reichte ihr nicht einmal bis zum Bauch. Langsam, doch ziemlich sicher durchschritt die Löwin den Strom genau an der Stelle, an der er zwar sehr breit, aber ganz flach war. Halb aus Spaß, halb aus übermütiger Erleichterung schnappte sie nach einem der vorbeischwimmenden Fische. Und siehe da, die schmeckten köstlich und stillten vorzüglich ihren Hunger. So gelangte sie satt und zufrieden an das andere Ufer. Hier fand sie die herrlich grüne Steppenlandschaft, von der sie immer geträumt hatte, fand ausreichend Nahrung und traf Artgenossen, denen sie von ihrer neuen Entdeckung erzählte. Doch die wollten davon nichts wissen. So kam es, daß man in Afrika von Zeit zu Zeit eine einzelne Löwin sah, die an der seichten Stelle des Flusses im Wasser stand, nach Fischen schnappte und diese mit Genuß verzehrte. Wir machen gemeinsam Urlaub. Lissi und ich, wir sind für zehn Tage in die Toskana gefahren. Es ist Spätsommer, aber hier in Italien ist es noch herrlich warm. »Schön, daß wir nach so langer Zeit noch einmal zusammen verreisen.« Lissi wirkt glücklich und zufrieden. Sie vergißt die harte Chemotherapie, sie vergißt die Sorgen um die Kinder, sie denkt auch wenig an Rolf, und sie vergißt ihren Krebs, so scheint es jedenfalls. Wir lassen uns ganz von unseren Launen treiben, wandern durch die betörende Landschaft und besuchen kleine Orte, die wie Schwalbennester an den Bergen kleben. Wir besichtigen Siena und Florenz. »Ich kenne keinen schöneren Ort auf dieser Welt, keinen Ort, an dem alles so im Überfluß, so dicht ist, hier fast unberührte Natur und dort jahrhundertealte Kultur.« Ich komme immer wieder ins Schwärmen. »Ja, und obwohl auch jetzt hier noch viele Men- schen wohnen und arbeiten, gibt es kaum Hektik. Es ist der richtige Platz zum Ausruhen, zum Nachdenken.« Wir sitzen im Museum schon seit geraumer Zeit vor einer Statue von Michelangelo. Plötzlich meint Lissi: »Laß uns nach Carrara fahren, auch wenn es ein bißchen weit ist. Ich möchte gerne sehen, wie der Marmor aus den Bergen geholt wird.« So fahren wir früh am nächsten Morgen mit dem kleinen Mietwagen in Richtung Norden. Unterwegs merke ich, daß Lissi ihre Krankheit, den Krebs, natürlich doch nicht vergessen hat. »Ich weiß ja nicht, wieviel Zeit mir noch bleibt«, beginnt sie unvermittelt. »Aber ich will sie genießen, will sie auskosten und nutzen. Dabei will ich nicht gierig und ungestüm werden, sondern gelassen handeln. Ich werde das Leben einfach nicht gegen den Strich bürsten, sondern ruhig mitfließen und, wenn nötig, besonnen reagieren.« Angesichts der beeindruckenden Steinbrüche nimmt sie den Gedanken noch einmal auf. »Ich will wie ein Künstler aus dem zur Verfügung stehenden Material das Optimale, das Beste schaffen.« »Ein guter Vorsatz und ein schönes Bild«, antworte ich und füge beim Weggehen noch hinzu: »Michelangelo hat einmal behauptet, daß der Marmor lebe, daß schon alles im Material angelegt sei und er seine Skulpturen nur freilege, nur heraushole.« Der Bildhauer In Oberitalien, dort wo in den Bergen der helle und weiße Carraramarmor gebrochen wird, lebte und arbeitete einst ein begabter junger Bildhauer. Eines Tages besuchte ihn ein reicher adeliger Herr und gab ihm den Auftrag zu einer großen Skulptur für seinen Schloßpark. Der Künstler fühlte sich geehrt. Er war sehr stolz, daß soviel Vertrauen in seine Fähigkeiten gesetzt wurde. So nahm er sich vor, etwas ganz und gar Außergewöhnliches zu schaffen. Er überlegte lange, skizzierte viele verschiedene Entwürfe und entschied sich schließlich für die Gestaltung einer fröhlichen Wassernixe. Die Figur sollte im Seerosenteich, direkt neben einem kleinen Springbrunnen, ihren Platz finden. Bald ließ der junge Mann einen geeigneten Marmorblock herbeischaffen und machte sich eifrig an die Arbeit. Doch schon, als er den kleinen Kopf ausmeißeln wollte, stieß er auf Schwierigkeiten. Das helle Material zeigte genau an der Stelle, an der das strahlende Gesicht entstehen sollte, deutliche dunkle Streifen von rostroten Eisenoxydeinschlüssen. »Aus diesem Stein kann ich meine liebliche Wasserjungfrau nicht hauen«, meinte der Künstler enttäuscht, brach seine Arbeit ab und ließ einen neuen Block kommen. Damit hatte er auch mehr Glück. Bald war ein zarter Kopf mit einem reinweißen Antlitz entstanden. Der Bildhauer wollte nun zwei dünne Arme mit den zarten Fingern gestalten. Aber gerade hier war der Marmor besonders porös und von geringer Festigkeit. Die schmalen Glieder brachen ab, und die feinen Hände zerbröselten unter dem Meißel. Wütend warf der junge Mann das Werkzeug beiseite. »Wenn ich kein ordentliches Rohmaterial bekomme, kann ich auch kein beeindruckendes Kunstwerk schaffen«, fauchte er den Lieferanten aus dem Steinbruch an. Also bekam er einen dritten Marmorblock. Der war so richtig nach seinem Geschmack. Dem Bildhauer gelang wieder ein helles Köpfchen, und diesmal auch zarte Hände mit feingliedrigen Fingern. Es deutete sich schon eine vielversprechende Statue an. Das ziselierte Fischkleid der Nixe wollte aber dann doch nicht gelingen. Der Marmor war in diesem Bereich so hart, daß sich kaum eine feine Rundung ausarbeiten ließ. Immer wieder splitterten ganze Stücke ab. An eine Struktur aus tausend Schuppen, wie sie der Künstler im Sinn hatte, war nicht zu denken. Verzweifelt beendete er seine Versuche. »Ich kann diesen wichtigen Auftrag nicht erfüllen und werde wohl nie ein besonderes Meisterwerk schaffen«, jammerte er, versank in tiefes Selbstmitleid und wollte Hammer und Meißel für immer aus den Händen legen. So fand ihn nach langen Tagen dumpfer Apathie schließlich sein Auftraggeber, als er kam, um sich nach seinem Kunstwerk zu erkundigen. Er betrachtete die angefangenen Stücke und hörte die Klagen des Künstlers. Der junge Mann tat ihm leid. »Ich will dir noch einen letzten ausgesuchten Marmorblock besorgen lassen«, bot er an. »Doch«, so meinte er einschränkend, »auch ich kann nicht für alle Stellen im Inneren des gewachsenen Materials garantieren. Versuch es noch ein letztes Mal und sieh zu, was du daraus machen kannst!« Nach einigen Tagen stand ein leicht rosa leuchtender Felsklotz im Atelier. Staunend betastete der Künstler den besonderen Werkstoff. Behutsam und vorsichtig begann er seine Arbeit. Nach einigen Schlägen fand er eine deutlich heller schimmernde Stelle und formte daraus ein zartes Gesicht. Immer der Maserung im Material folgend, entstanden um den Kopf der Figur lange Locken, die in der Sonne rötlich leuchteten. Der Künstler löste die porösen Teile heraus. Er fand eine besonders stabile Stelle. Dort formte er den linken Arm, den das Mädchen anmutig um den Kopf legte. Die rechte Hand verschwand halb unter hundert Falten eines Kleides, denn hier war der Stein weich und für zarte Ornamente, nicht aber für vorspringende Glieder geeignet. Jede Veränderung im Marmor ertastend, ließ sich der Bildhauer nun ganz von dem scheinbar lebendigen Rohstoff inspirieren und leiten. Er fühlte etwas Wunderbares und Einmaliges unter seinen Händen entstehen. Als sein Werk schließlich beendet war, hatte er eine zauberhafte Waldnymphe erschaffen. Sie sollte ihren Platz nicht im Seerosenteich, sondern in einem schattigen Pavillon des Schloßparks finden. Auf der Rückreise sitzen wir alleine im Zugabteil. Wir reden nicht viel, bis Lissi ihre Gedanken laut äußert. »Es war eine schöne Reise, nicht nur wegen des herrlichen Wetters, der Landschaft und der Sehenswürdigkeiten. Es war auch eine Reise zu mir selbst, und du hast sie ein Stück weit mitgemacht. Das war für mich wie eine Kur, wie ein Gesundheitstraining. In gewissem Sinne war die ganze Zeit seit dem Ausbruch meiner Krankheit eine lange, lange Reise. Manchmal sehr anstrengend, manchmal sogar gefährlich, aber auch mit vielen unerwartet schönen Momenten und tiefen Erkenntnissen. Du wirst es vielleicht nicht verstehen, aber gerade die schlimmsten Zeiten waren auch die kreativsten. Es waren die Momente der tiefsten Erfahrungen und der größten Kraft. Ich kann das nicht erklären, ich bin kein Psychologe. Aber ich habe erfahren, daß Leben nichts Statisches ist, daß da immer Bewegung, immer Veränderung ist. Und es ist egal, ob sie von außen an uns herangetragen wird oder aus uns selbst kommt. Es gibt immer die eine oder andere Möglichkeit, darauf zu reagieren.« »Du hast es ja schon gesagt«, nehme ich Lissis Gedanken auf, »auch auf die Gefahr hin, daß es ziemlich abgedroschen klingt: Leben ist eine Reise, eine Reise über viele Wege, eigentlich ist Leben der Weg.« »Ja, das glaube ich auch, dabei sind die Momente zum Ausruhen oft ziemlich kurz.« »Aber sieh mal.« Lissi schaut auf ihre Hand. Dort hat sich ein Marienkäfer niedergelassen. »Was machst du denn hier im Zug? Das ist kein guter Platz für dich zum Ausruhen.« Lissi hält ihre Hand ganz still, und am nächsten Bahnhof öffnen wir das Fenster, um den Käfer hinauszulassen. »Ob das wohl ein guter Ort für so ein Tierchen ist?« Lissi kuschelt sich in die Ecke ihres Sitzes, legt die Beine hoch und schließt die Augen. Ich kann nicht schlafen, so ziehe ich leise Block und Stift aus der Tasche und beginne zu schreiben. Der Marienkäfer »Das möchte ich auch!« Der kleine Marienkäfer saß auf einem Blatt am Bachufer und schaute neidisch auf die schimmernde Libelle. Anmutig und schön kam sie dem Käfer vor, wie sie so in glitzernden Farben und scheinbar ohne Flügelschlag über den Stromschnellen in der Luft stand. »Wieso kann ich das nicht, wieso bin ich nicht so schön?« grübelte der Käfer mürrisch. Unzufrieden und gelangweilt meinte er zu sich selbst: »Über dem Wasser ist es viel interessanter und außerdem kühler als hier im Wald.« Dabei war er durchaus nicht häßlich. Er besaß einen leuchtend roten Rücken mit sechs schwarzen Punkten. Auch war er nicht unbeholfen, er konnte sehr geschickt krabbeln und ziemlich schnell fliegen. Sein Leben war überhaupt nicht schlecht, denn der Wald bot Nahrung, Schutz und Abwechslung in Hülle und Fülle. »Überall nur grüne Blätter und ewig Blattläuse fressen, was soll daran schon interessant sein?« murrte der Käfer und wurde immer mißmutiger, zumal er zusehen mußte, wie nun zwei Libellen über dem glitzernden Wasser miteinander tanzten. Trotzig breitete er kurz entschlossen seine Flügel aus und flog bis in die Mitte des Flusses. Hier stellte er einfach seine Bewegung ein, um so in der Luft zu stehen. Das ging natürlich nicht einmal für eine Sekunde gut. Der Käfer kam ins Trudeln und plumpste ins Wasser. Er ruderte mit den dünnen Beinchen und versuchte aufzufliegen. Aber seine Flügel waren naß und so schwer, daß sie das Tierchen nicht in die Höhe trugen. Da zappelte er hilflos im Wasser und fürchtete schon zu ertrinken, als dicht neben ihm ein großes Lindenblatt vorbeischwamm. Entschlossen klammerte er sich an den Rand und krabbelte erschöpft auf die Oberseite. »Jetzt bin ich gerettet!« Der Käfer war entzückt. »Hier kann ich mich ausruhen und bequem auf den Fluten gleiten, was ja auch nicht so schlecht ist.« Zu spät merkte er, daß sich das Blatt langsam voll Wasser sog. Ganz allmählich verschwand der Halt unter ihm, und wieder landete das kleine Insekt im Bach. »Hilfe, Hilfe!« schrie er verzweifelt und schluckte dabei gleich einen ganzen Schwall Wasser. In panischer Angst strampelte er mit allen Beinen und paddelte mit den nassen Flügeln. So erreichte er schließlich einen kleinen Ast, der im Fluß trieb, und zog sich an die Oberseite. »Gott sei Dank! Nun habe ich endlich einen sicheren Halt!« freute sich das Tier. »Hier will ich mich ausruhen und später meine Flügel trocknen.« Doch dazu kam es erst gar nicht. Die Fahrt wurde immer unruhiger. Das Holz trieb mit rasender Geschwindigkeit auf die Stromschnellen zu. Immer wieder drehte sich der kleine Ast um seine Achse. Dabei zog er den Käfer ein ums andere Mal unter Wasser. Trotzdem umklammerte das Tier fest sein unsicheres Floß. Hier und da landete er an der Oberfläche, um etwas Luft zu holen. Doch gleich riß ihn ein neuer Wirbel wieder nach unten. Schließlich blieb das Holz für kurze Zeit am Bachrand hängen. Mit letzter Kraft breitete der Marienkäfer seine durchnäßten Flügel aus und versuchte, sich abzuheben. Es reichte nur zu einem kleinen Hopser auf einen Stein am Ufer. »Bin ich noch einmal davongekommen? Habe ich es doch noch geschafft?« Schwach, aber dankbar blinzelte der Käfer in die Sonne. Und obwohl er sich noch sehr kraftlos fühlte, breitete er seine Flügel zum Trocknen aus, putzte seine Fühler und glättete, so gut es ging, seinen Panzer. Über sich gewahrte er wieder die Libelle, und dabei konnte er ganz genau feststellen, daß sie nicht reglos in der Luft stand. Es sah nur so aus, denn sie bewegte ihre Flügel so rasend schnell, daß sie kaum zu erkennen waren. Der Marienkäfer fühlte sich so schon viel besser. Er wurde wieder munter und stark. Und das war auch gut so. Denn ein Gewitterregen hatte den kleinen Fluß anschwellen lassen, und der Stein am Ufer wurde überflutet. Doch bevor er ganz im Strom verschwand, hob sich das kleine Insekt mit seinen nun trockenen Flügeln in die Luft und flog davon, weit weg vom Wasser auf eine herrliche Blumenwiese. Dort sahen ihn die Kinder. »Seht nur, seht nur, ein Marienkäfer!« jubelten sie. »Es ist ein Glücksbringer, er hat sieben schwarze Punkte!« Tatsächlich, bei der mörderischen Fahrt im Bach hatte der Käfer einen kräftigen Kratzer davongetragen, und der saß genau wie ein zusätzlicher schwarzer Punkt in der Mitte auf seinem Rücken. Als Lissi aufwacht, gebe ich ihr die eben fertige Geschichte zu lesen. Doch da sie Schwierigkeiten mit meiner schlechten Handschrift hat, nehme ich die Blätter wieder an mich und lese sie ihr vor. Sie sagt eine ganze Weile nichts. »Danke, Sabine, danke«, und dann sagt sie es noch einmal. »Danke, daß du ein langes, ein schwieriges Stück meiner Reise mit mir gemacht hast.« »Ich muß dir danken«, antworte ich ihr. »Es war auch ein Stück meiner Reise, und es war trotz aller Sorgen eine schöne, interessante, eine kreative Zeit.« »Ja, du hast so viele Geschichten für mich geschrieben. Zu Hause werde ich in meiner freien Zeit wieder mit Malen anfangen. Ich werde die verschütteten Fähigkeiten ausgraben, für mich, nur für mich, und deine Geschichten sollen meine Motive sein. Deine Geschichten, deine schönen Geschichten, ich habe sie alle gesammelt.« Lissi streichelt vorsichtig meine Hand. »Weißt du, ich habe neues Vertrauen, Vertrauen in mich selbst, in meine Kraft und meine Phantasie, Vertrauen in das Leben, in das Schicksal. Und wenn ich auch nicht viel davon gesprochen habe: Ich habe Vertrauen, festes Vertrauen in Gott, in einen guten Gott, hinter oder über uns und größer als diese Welt.« Lissi zieht einen abgegriffenen Zettel aus ihrer Brieftasche. »Hier, lies das. Ich habe es in meinen dunkelsten Stunden geschrieben, es ist für dich, ich schenke es dir.« Im Fallen such ich, suche nach dem Halt, der mir entwischt. Im Fallen greif ich, greife nach dem Ast, der mir zerbricht. Im Fallen fleh ich, flehe ich, Gott, erbarme dich. Im Fallen schrei ich, schreie ich, Du, erhalte mich. Im Fallen lern ich meine Angst besiegen. Im Fallen, Herr, lehrst Du mich fliegen. Nachwort Drei Jahre ist es her, daß ich im Krankenhaus nach einer Operation die verheerende Diagnose »Lymphdrüsenkrebs« bekam. Aus, alles aus! Ein Weiterleben nicht vorstellbar! Und doch schaue ich jetzt dankbar auf eine schöne Zeit zurück; eine Zeit der neuen Liebe zu meinem Mann, eine interessante Zeit mit heranwachsenden Kindern, eine Zeit der tief empfundenen Nähe zu echten Freunden und eine Zeit der Auseinandersetzung mit Ärzten, Selbsthilfegruppen, Psychologen oder Heilern. Aber vor allen Dingen war es auch eine Zeit der Auseinandersetzung mit mir selbst, mit meinem bisherigen Leben, meinen Wertvorstellungen, meinen Wünschen, Hoffnungen und Phantasien. Ob ich jetzt gesund bin? Ich weiß es nicht. Was bedeutet »gesund«? Ist es nur eine Definition der Mediziner? Ist es ein Zustand? Nein, das kann es nicht sein. Gesundsein ist ein Prozeß, ein Lebensprozeß, ständigen Änderungen unterworfen und als stetige Aufgabe täglich neu zu bewältigen. Auf Anregung und unter der liebevollen Anteilnahme eines Therapeuten, eines Seelsorgers im besten Sinne des Wortes, habe ich Geschichten geschrieben und sie später zusammengefaßt. Das ist mein persönlicher Weg zum Gesundsein. Ich möchte mit der Veröffentlichung Hoffnung geben und Mut machen. In jeder schrecklichen Krankheit, in jeder dunklen Stunde liegt eine verborgene Kraft und eine unerwartete Kreativität, und für jeden gibt es die eine oder andere Möglichkeit, sie zu finden. Mariele Biela wurde 1946 in Köln geboren. Nach dem Abitur studierte sie an der Technischen Hochschule in Aachen und arbeitet seit ihrem Abschluß als Architektin in Köln. Mariele Biela ist verheiratet und hat drei Kinder. Mit dem Schreiben hat sie 1994 nach einer Krebsdiagnose begonnen. ISBN 3-7918-2541-0 © Copyright by Quell Verlag, Stuttgart 1997 Printed in Germany · Alle Rechte vorbehalten Umschlagbild und Vignette: G +J Fotoservice / Photonica, Hamburg Umschlaggestaltung: Barbara Hanke, Hamburg Vor- und Nachsatz: Brigitte Speckbrock Gesetzt aus der New Baskerville 10,5 / 14 und Gill 10 / 14 pt Gesamtherstellung: Maisch & Queck, Gerlingen |
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