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Juttas Weg Persönliche Aufzeichnungen Zu Eurer Info: Jutta ist Gründungsmitglied vom INKA e.V., ihre persönlichen Erfahrungen spiegeln nicht nur die Zeit in einer sehr schwierigen Lebensphase wider, sondern geben eine ganze Reihe von wertvollen praktischen Tipps. Jutta schreibt: Am 1. Juni 2001 auf der INKA - Pinnwand: ...Am 5. Mai 2001, an einem Tag voller Sonnenschein und blauem Himmel, ist mein lieber Mann Nico sanft in meinen Armen zu Hause eingeschlafen. Ich wünsche Euch allen, dass Ihr Eure Krankheit überwindet oder wenigstens eine lange Überlebenszeit mit positiver Lebenseinstellung erreicht. Allen aber, die es vielleicht nicht schaffen oder die Angst vor dem Tod haben, möchte ich Mut machen... Ich habe sehr viele positive Rückmeldungen erhalten von Menschen, denen meine Zeilen Mut gemacht haben. Heute nach über 14 Monaten ohne Nico möchte ich Euch anhand unserer eigenen Erfahrungen ermutigen, und jenen, für die es keine Heilung gibt, die Angst vor dem Tod nehmen. Da der Tod leider nach unseren Erfahrungen ein grosses Tabu-Thema in unserer Gesellschaft ist, hoffe ich, Euch mit meinen Zeilen auf einige wesentliche Punkte aufmerksam zu machen. Nico und ich haben von Anfang an offen über die Krebserkrankung gesprochen. Für Nico war es gleich nach Erhalt der Diagnose Krebs ganz wichtig sein Testament und die Patientenverfügung zu schreiben. Wie wichtig diese Dokumente sind, ist mir erst in den letzten Monaten vor Nicos Tod und danach bewusst geworden. Für den Partner, der zurückbleibt, ist es eine grofle Erleichterung bei der Abwicklung der Formalitäten.
Nach Regelung dieser Verfügungen haben wir unseren ganzen Lebensmut genommen und haben voller Hoffnung nach vorn geschaut. Trotz etlicher Chemotherapien, vieler zusätzlicher gesundheitlicher Probleme haben wir den Mut nie verloren. Irgendwie war da immer die Hoffnung auf ein Wunder. Als dann im Nov. 2000 die Gallengänge von den Metastasen zuwucherten und Nico ganz gelb wurde, sagte man uns ziemlich schonungslos, es gäbe keine Hilfe mehr. Ab Januar haben wir dann mit Pflegebett, Rollstuhl, Toilettstuhl und Duschhocker unseren Alltag allein bewältigt. Nico konnte noch aufstehen, aber durch die zunehmend schwächere Leistung seiner Leber - die Leber gilt als das Organ der Lebenskraft - hatte er, der jahrzehntelang aktiv Tennis gespielt hat, keine Energie mehr. Wenn es Eurem Partner so schlecht geht, dann solltet Ihr nicht auf solche Hilfsmittel verzichten. Euer Hausarzt verschreibt sie und die Krankenkassen sind in der Regel sehr schnell, wenn es um die Bewilligung solcher nötigen Hilfsmittel geht. So ein Bett ist höhenverstellbar und der Galgen erleichtert das Aufstehen gewaltig. Alle o.a. Hilfsmittel sind kostenlos. Wenn es gesundheitlich bergab geht, dann stellt einen Antrag auf Pflegegeld aus der Pflegeversicherung. Wir alle zahlen in diese Kasse ein, und oft wird erst viel zu spät ein Antrag auf Leistung aus der Pflegeversicherung gestellt. Nach dem Hausbesuch eines Gutachters wurde Nico ab Januar 2001 Pflegestufe III zuerkannt. Da wir keinen Pflegedienst hinzugezogen haben, haben wir 1.300 DM monatlich aus der Pflegeversicherung erhalten. Für mich als pflegende Ehefrau wurde ein Rentenbeitrag für diese Zeit geleistet. Zur gleichen Zeit hat Nico seinem Hausarzt gesagt, dass er auf keinen Fall mehr ins Krankenhaus möchte und dass er an keine medizinischen Geräte mehr angeschlossen werden möchte. Wenn Ihr diesen Wunsch mit Eurem Hausarzt besprecht, dann wird Eurem Wunsch auch stattgegeben. Wenn Euer/e Partner/in für immer eingeschlafen ist, sollte Euer Hausarzt den Totenschein ausstellen. Wenn Ihr hierfür einen Notarzt ruft, dann kommt automatisch auch die Polizei ins Haus. Eine unschöne Sache, wenn man voller Trauer ist. Habt Mut, gebt Eurem Partner/in, wenn es medizinisch möglich ist, die Möglichkeit in Ruhe zu Hause in Euren Armen einzuschlafen. Auch ich habe Angst vor dem Tod gehabt, aber jetzt, nachdem ich erlebt habe, wie würdevoll mein geliebter Mann eingeschlafen ist, kann ich Euch alle nur ermuntern, es Euch zuzutrauen, Eure/r Partner/in in der vertrauten Umgebung sterben zu lassen. Diese Gewissheit, alles mir mögliche für Nico getan zu haben, hat mir sehr viel Trost gegeben in den vergangenen Monaten. Ein Jahr lang habe ich hier in Hamburg eine Trauergruppe der Evangelischen Akademie besucht, und hörte dort immer wieder Klagen von verwitweten Menschen darüber, dass sie ihren Partner nicht zu Hause sterben liessen. Sie hatten keinen Mut dazu, und hinterher plagte sie ein schlechtes Gewissen. Ihr müsst Euren Partner, wenn er für immer eingeschlafen ist, nicht gleich abholen lassen. Nico ist mehr als 24 Stunden bei mir geblieben. Ihr glaubt gar nicht, wie entspannt und losgelöst er nach dem langen Kampf (3 Jahre und 7 Monate) gegen die heimtückische Krankheit war. Viele Familienmitglieder und Freunde haben sich am Totenbett bei Kerzenschein und sanfter Musik von Nico verabschiedet. Alle haben hinterher gesagt, man hätte es ihm angesehen, dass er seinen Frieden gefunden hat. So sehr mir mein geliebter Mann immer noch fehlt, so weiss ich doch, dass es für Nico zu dem Zeitpunkt das Beste war. Habt Mut, Eurem Partner ein würdiges Ende zu bereiten. Sprecht beizeiten über die letzten Wünsche Eures Partners z.B. was er für seine letzte Reise anziehen möchte. Nico hat sich spontan für seinen Tennisanzug entschieden. Ich habe ihm seinen besten Schläger und einen Tennisball mit in den Sarg gelegt.
Wir haben diese Dinge alle beizeiten besprochen und geregelt. Bei einer schleichenden Krankheit wie Krebs hat man die Chance, diese Dinge rechtzeitig zu regeln. Es ist ein langer Abschied. Bei einem plötzlichen Herztod o.ä. gibt es diesen langen Abschied nicht. Mein Mann war fast bis zum Schluss voller Lebensmut, aber für ihn war es ausserordentlich beruhigend, all diese Dinge geregelt zu wissen. Seine Fürsorge für mich war einzigartig! Eigentlich sollte auch jeder scheinbar gesunde Mensch Vorsorge in Form von Testament und Patientenverfügung treffen; denn keiner von uns weiss, wieviel Zeit ihm gegeben ist. Nutzt auch (Trauer) Foren im Internet. Es ist so hilfreich, wenn man sich mit Betroffenen austauschen kann. Unmittelbar nach dem Tod des geliebten Partners haben alle Verständnis für Eure Trauer. Aber diese Geduld ist nicht von langer Dauer. Die Trauer um einen geliebten Menschen ist meist sehr viel länger. So wie wir mit der Krankheit sehr viele Informationen zu Nicos Krebserkrankung im Inkanet (besonders auf der Pinnwand) gefunden und Kontakte geknüpft haben, die auch über Nicos Tod hinaus aktiv sind, wünsche ich mir ein Forum für die Menschen, deren Partner den Kampf verloren haben, oder die Sterbebegleitung benötigen. Gern begleite ich Euch auf Eurem Weg durch die Trauer. Viel Kraft wünscht Euch von ganzem Herzen Jutta. |
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